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28.07.2007 Der Radsport im Dopingsumpf — die Vereinsfunktionäre verordnen eine Rosskur
Leutkirch (SZ/Bernd Hüttenhofer) - An der Basis rumort es — und es fallen deutliche Worte. Anders als viele Fans, die sich nach wie vor für die Tour de France begeistern, fordern manche Funktionäre des Amateur-Radsports drastische Maßnahmen gegen die Dopingseuche bei den Profis: Frankreich-Rundfahrt abbrechen, Deutschland-Tour absagen, die WM in Stuttgart ebenso, hört man da.
Von SZ-Redakteur Bernd Hüttenhofer
Ulrich Bock: ".. so erbärmlich wie die Vorbilder sich präsentieren"
Ulrich Bock bei der der Moderation der finalen Etappe des VR-Cup 2007 in Winterlingen
Das Gespräch mit Ulrich Bock ist noch keine zwei Minuten alt, da kommt der Mann auch schon knallhart zur Sache. "Lumpenpack" nennt er die dopenden Profis, die aus seinem Sport eine Beschäftigung gemacht haben, für die man sich hämische Kommentare gefallen lassen muss. Bock, 50, ist Jugendsportwart des Württembergischen Radsportverbandes und Leiter der Landessportschule in Albstadt, betreut rund 1000 radelnde Lizenznehmer unter 19, ist zuständig für die Organisation des Sportbetriebs, Talentsuche, Kaderförderung. Und er ist mächtig sauer auf die so genannte Elite seines Sports, "so erbärmlich, so gottserbärmlich, wie die Vorbilder sich präsentieren".

Bock, früher selbst ein hochkarätiger Amateurfahrer, fallen zum Thema Doping vor allem drei Aspekte ein: "Erstens ist ein Wettbewerbssterben zu verzeichnen, es gibt überproportional viele Wettkampfabsagen, zweitens schwebt über dem Radsport das Damoklesschwert auslaufender Teamverträge, und drittens ist meine zarte Hoffnung, dass Kinder, Jugendliche, Eltern und Funktionäre trotz des Krebsgeschwürs im bezahlten Profisport zeigen, dass das eine gute Sportart ist." Für Bock ist einfach zu viel Geld im Spiel, "das verdirbt bekanntlich den Charakter. Das Kapital muss raus."

Weil man im Moment keinem mehr trauen könne, gibt es für Bock nur eine Abhilfe: den gläsernen Athleten. "Du kannst dem trauen, der über Jahre hinweg sein Blutbild prüfen lässt. Das machen wir im Moment." Beispielsweise bei Dominik Nerz von der Rad-Union Wangen, dem Führenden in der Bundesliga-Einzelwertung. "Wenn irgendetwas wäre, wäre das sofort nachweisbar", sagt Bock, und nennt weitere wünschenswerte Änderungen: Nivellierung der Belastung, Austausch des Managements, intelligentere Wettbewerbe. "Das System muss transparent werden und die Strafen so abschreckend, dass man Regelverstöße ausschließen kann."
Rolf Keller: Zurück zu den Wurzeln
Rolf Keller (re.) mit Tobias Steinhauser (li.) beim Kriterium in Wangen 2005.
Den von Bock beklagten Schatten, den die Dopingszene auf die Vereinsebene wirft, spürt auch Rolf Keller, der Vorsitzende der Rad-Union Wangen. "Das trifft uns doppelt hart. Ich hoffe, dass die Sponsoren trotzdem bei der Stange bleiben. Uns geht zuerst die Luft aus." Die RU bestreitet ihren Etat nämlich zu großen Teilen aus dem jährlichen Kriterium und der Barockstraßenfahrt. Keller will notgedrungen "zurück zu den Wurzeln" und das Altstadtkriterium heuer vorwiegend mit U23-Fahrern besetzen. "Die Crux ist, dass dann nur 300 Zuschauer kommen." Das bringt wenig Geld für die derzeit 40 Jugendlichen, die Grundlagentraining absolvierten. Doping sei da kein Thema, aber "ausschließen kann man heutzutage gar nichts mehr", sagt Keller und verweist auf Studien, denen zufolge in Deutschland 200 000 Hobbysportler dopen. Seinen Sport sieht er derzeit zu Recht am Pranger, aber das Dopingproblem plage den gesamten Profisport. "Und so hart und so gut die Entscheidung von ARD und ZDF war — was machen die nächstes Jahr bei den Olympischen Spielen?"
Thomas Dressler: Umdenken ist angesagt
Thomas Dressler beim Rundstreckenrennen in Niederwangen
Ähnliche Gedanken gehen Thomas Dressler, Abteilungsleiter bei der TSG Wilhelmsdorf, durch den Kopf. "Ich schau da ganz gelassen nach Peking", sagt er zum Thema Radsport am Pranger. "Es braucht kein Sportverband auf den anderen zu zeigen." Dressler fordert ein "Umdenken der Gesellschaft. Wir müssen alle selbstkritisch schauen, was man anders machen kann." Dressler hat schon damit angefangen und engagiert sich in einer bundesweiten Initiative für Dopingprävention. Trainer, Kaderathleten und nach und nach auch das soziale Umfeld sollen geschult werden, um die "Dopingmentalität" zu bekämpfen. Alle Beteiligten seien gefordert: Eltern, Sportkollegen, Sponsoren, Veranstalter. "Jeder hat seine Möglichkeiten, ein Antidopingprogramm zu fahren", sagt Dressler. Im Übrigen sei es doch so, dass "eine Sportart von vielen reflektiert wird und nicht nur durch die Spitzenathleten".
Lutz Geisler: "... mit völlig neuen Leuten neu anfangen"
Lutz Geisler beim Uphill 2007 auf dem Höchsten
Das ist auch Lutz Geisler ein Trost. Der Vorsitzende des RSV Seerose Friedrichshafen, selbst begeisterter Radamateur mit einem Pensum von 7000 bis 8000 Kilometern im Jahr, steht 100 Mitgliedern vor, darunter 21 lizenzierten, die Hälfte davon Jugendliche. "Bei uns kommt Doping mit Sicherheit überhaupt nicht vor, bei uns geht's weiter, keine Frage", sagt er, aber bei der Anwerbung neuer Mitglieder sehe er "tiefschwarz".

Dabei hat Geisler festgestellt, dass "Radsportler mit dem Thema Doping weit härter umgehen, als das Außenstehende tun". Die Ansichten seien durchweg radikal: Tour de France einstellen, Deutschland-Tour und Stuttgarter WM streichen, alles auf Null zurückfahren, Sumpf ausmisten, erst mal alle arbeitslos werden lassen, am besten Hartz IV, mit völlig neuen Leuten neu anfangen. "Das ist auch meine Meinung", sagt er. Für sich hat er die Konsequenzen schon gezogen und seit dem Fall Ullrich nicht eine Minute Radsport im Fernsehen mehr angeschaut. "Keiner kuckt mehr", sagt er über seine Vereinsmitglieder, bescheinigt ARD und ZDF "Rückgrat" und warnt die Stuttgarter Organisatoren. "Ich weiß nicht, wie viel da zuschauen. Die werden sich schwer umkucken."
Bernhard Lingenhöle: Kein Radsport, sondern Zirkus
Bernhard Lingenhöle beim Kriterium in Ellwangen 2007
Auch bei Bernhard Lingenhöle, beim RSC Biberach Trainer von 25 lizzenzierten Fahrern, bleibt der Bildschirm dunkel. "Ich schau schon seit zwei Jahren keine Tour de France mehr. Wir müssen die Profis strafen, damit sie endlich wieder zur Vernunft kommen." Für ihn ist das gar kein Radsport mehr, sondern "ein Zirkus, in dem es nur ums Geld geht, teilweise mit abgesprochenen Rennen".
Heiko Knafla: "... den Sumpf trockenlegen"
Heiko Knafla beim Kriterium in Ludwigsburg 2007
Auch für Heiko Knafla, Abteilungsleiter beim TSV Ellwangen und früher in der höchsten Amateurklasse mit Erik Zabel und Rolf Aldag unterwegs, ist "schon eine Welt zusammengebrochen". Eine Mitschuld weist er auch den Medien zu. "Schon der Zweite ist ja ein Verlierer." Knaflas Mission, im Kreis Ostalb-Hohenlohe eine Sportart aufzubauen, ist angesichts der derzeitigen Misere nicht leichter geworden, aber er ist sicher, dass "wir auf dem besten Weg sind, den Sumpf trockenzulegen. Es dauert halt." Ganz werde es gleichwohl nie gelingen, schließlich sei das "ein Industriezweig; da verdienen Leute Geld mit". Er selbst versucht seinen wenigen Jugendfahrern ein Beispiel zu sein und rührt weder Alkohol noch Nikotin und schon gar keine Drogen an. Wichtig sei auch, dass "die Sponsoren der kleinen Vereine nicht abgeschreckt werden, sonst haben wir ein großes Problem. Wir machen hier Sozialarbeit."
Tobias Hübner: "Man muss die Jungs permanent begleiten"
Tobias Hübner beim Eurobike-Altstadtkriterium 2006 in Ravensburg
So wie Tobias Hübner beim KJC Ravensburg. Der Abteilungsleiter geht mit Elternabenden "offensiv an die Geschichte ran". Sicherlich mache es momentan keinen Spaß, über Radsport zu reden, sagt Hübner, und die Nachfrage sei schon in den vergangenen Jahren weniger geworden, aber den Spaß an diesem Sport wollen er und seine 25 Fahrer unter 18 Jahren sich nicht verderben lassen. Sein Erfolgsrezept: "Man muss die Jungs permanent begleiten."

© 2002-2012 RSC Biberach 1962 e.V.Anregungen, Lob und Kritik bitte an Ferdinand Birti RSC Biberach